Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
18. Januar 2019


Das Geschenk eines frohen und erfüllten Augenblicks empfangen

Ausgabe Nummer 51 (2018)

Kürzlich besuchte mich ein Journalist, der für die Weihnachtsausgabe seiner Zeitung ein Gespräch wollte. Er fragte mich nach der Bedeutung von Geld und materiellen Gütern. Ich weiss nicht, ob er erwartete, dass wir uns im Kloster mit solchen Fragen nicht beschäftigen. Vielleicht wollte er irgend etwas Schönes und Abgehobenes, das sich gut macht für die Weihnachtszeit. Aber auch im Kloster leben wir nicht von Luft und Liebe allein. Der heilige Benedikt schreibt in seiner Mönchsregel an mehreren Stellen über die Arbeit und den Erwerb des Lebensunterhaltes. So sagt er zum Beispiel im Zusammenhang mit der Feldarbeit: «Sie sind dann wirklich Mönche, wenn sie wie unsere Väter und die Apostel von ihrer Hände Arbeit leben.»
Arbeit ist für den Ordensvater allerdings kein Selbstzweck. Sie dient dem Lebensunterhalt. Sie trägt zu einer ausgeglichenen Lebensweise und zur persönlichen Zufriedenheit bei. Ein allfälliger Überschuss kann mit mittellosen Menschen geteilt werden. Nichtstun und Müssiggang ist nach der Meinung Benedikts pures Gift für die Seele. Aber Überforderung und zu grosser Arbeitsdruck sind genauso ungesund. Deshalb sind ihm das Masshalten und der Ausgleich wichtig. Die Ruhe, das Gebet und die Beschäftigung mit der Bibel sind ebenso wertvoll wie eine sinnvolle und herausfordernde Arbeit. Das kann genauso mit Mühe verbunden sein. Diese Tätigkeiten erfordern ebenfalls Aufmerksamkeit und Sorgfalt. Festzeiten wie die kommenden Weihnachtstage schenken eine willkommene Abwechslung und ermöglichen einen Ausgleich. Vielleicht gelingt es, diese Zeit als kostbares Geschenk wahr- und anzunehmen. Geschenke machen und erhalten ist ja ein grosses Thema dieser Tage. Warum nicht die Festzeit als Geschenk sehen und sich darüber freuen? Wie schön, wenn in dieser Zeit Dinge möglich werden, die sonst eher zu kurz kommen! Wir sprechen oft über den Weihnachtsstress und spüren dabei ganz genau, dass dieser Stress den Festgedanken eigentlich ins Gegenteil kehrt. Vielleicht ist es mal einen Versuch wert, die kommenden Festtage nicht genauso zu verplanen wie den Rest des Jahres. Vielleicht eröffnen sich in diesen Tage Gelegenheiten zum gemütlichen Beisammensein ohne grossen Aufwand und ohne Anstrengung. Vielleicht finde ich einen Ort, wo ich ganz für mich sein kann, und auch mal nichts tun muss und einfach da sein darf.
Es macht das Geheimnis eines Festes aus, dass es Vorbereitung, Aufmerksamkeit und Bemühung braucht – um dann ganz frei und unbelastet gefeiert werden zu können. Diese Erfahrung lässt sich zu anderen Zeiten während des Jahres wiederholen. Wenn diese besonderen Zeiten sich als unerwartetes Geschenk einstellen und gefeiert werden können, dann kann ich erfahren, wie sie guttun, neue Lebenskraft und Zuversicht schenken. Dann kann ich ja sagen zu meinem Leben in dieser Welt. Es ist gut, da zu sein. Und aus diesem Ja heraus freue ich mich wieder auf den Alltag mit seinen Mühen und Herausforderungen, die auf ihre Weise erfüllend und sinnstiftend sind. Es ist ja auch gut, wenn ich bei der alltäglichen Arbeit erlebe, was ich kann und wozu ich fähig bin. Das schenkt Zufriedenheit.
Den Ausgleich zwischen Anspannung und Entspannung zu finden, hat viel mit persönlicher Reife zu tun. Ich arbeite immer wieder daran, die Balance zwischen beiden Polen zu finden. Und immer wieder mache ich die Erfahrung, dass ich einfach die Hände und das Herz öffnen darf, um das Geschenk eines frohen und erfüllenden Augenblicks zu empfangen.
So wünsche ich ein frohes, gnadenreiches Weihnachtsfest – und vor allem, dass es gelingen mag, die kommenden Feiertage als kostbares Geschenk anzunehmen und sich daran zu freuen.

P. Gregor Brazerol OSB




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