Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
9. November 2018


Permakultur - nachhaltiges Gärtnern

Ausgabe Nummer 44 (2018)

Auf dem Büchermarkt und in Gärtnerkreisen beherrscht eine «neue» Kultur die Szene, die Permakultur. Die Gänsefüsschen bei neu sind deshalb gesetzt, weil all die genannten Vorgehensweisen, Arbeitsschritte und Denkmuster schon längst existieren. Neu ist allenfalls, dass alles aufgenommen, sortiert, vernetzt und dokumentiert ist. Keinesfalls neu ist die Erkenntnis, dass die Fruchtbarkeit der Erde endlich nachhaltig gepflegt werden muss. Meine Fachinformationen stammen aus dem Buch Permakultur vom Haupt-Verlag.

Eigentlich will ja niemand seinen Nachkommen den Lebensraum zerstört hinterlassen. Kriege, Luft- und Wasserverschmutzung, Wegwerfmentalität und Armut schaffen Probleme, welche die Lebensbedingungen auf der Erde nachhaltig beeinflussen. Permakultur möchte Anstoss geben, Veränderungen herbeizuführen, um das Überleben auf unserem Planeten zu ermöglichen. Bescheidene, persönliche, machbare Anfänge, um nicht hilflos und verzweifelt danebenzustehen. Der Begriff Permakultur bedeutet so viel wie nachhaltige Landwirtschaft. Der Australier Bill Mollison machte das Konzept vor mehr als vierzig Jahren bekannt. Die drei ethischen Prinzipien sind so einfach wie klar: trage Sorge zur Erde, trage Sorge für die Menschen, teile fair und setze Grenzen für Konsum. Es gibt zehn Permakulturgrundsätze; nicht alle sind den Bäuerinnen völlig unbekannt!

1 Von der Natur lernen
Naturabläufe nachahmen, mit der Natur arbeiten: Welcher Landwirt kennt das nicht. Man sät beispielsweise den Samen dann, wenn die Pflanze Chancen hat, zu wachsen. Was winterhart ist, im Herbst, was wärmebedürftig ist, erst im Frühjahr. Es wird erwähnt, dass dank mehrjähriger Pflanzen weniger Eingriffe (Arbeit) nötig wären, bei Beeren etwa. Oder die Karotten im zweiten Jahr versamen lassen, im dritten Jahr kommen dann von alleine wieder Rüebli. Die erlernte Denkweise von Standortwechseln gilt bei der Bodenpflege à la Permakultur nicht mehr.

2 Vielfalt ermöglichen, 3 Vernetzung fördern
Schon aus Gründen der Familiengrösse haben sich viele Gartenbesitzer zu Mischkulturen auf ihren Beeten entschieden. Es macht nicht Sinn, Unmengen zur gleichen Zeit zu verwerten, gestaffelte Ernte wäre angenehmer und energiesparender. Und warum nicht einmal einzelne Blütenpflanzen im Gemüse stehen lassen oder gar Blumen und Gemüse mischen? Vernetzung verstanden als Verbindung von altem Gärtnerwissen und neuen Erkenntnissen. Abwägen, ob man der guten alten Bintje-Kartoffel treu bleiben will trotz ihrer Anfälligkeiten oder eine Ersatz- Lieblingsknolle suchen soll. Mehrfach-Funktionen nutzen, zum Beispiel wärmespeichernde Steine als Grenz- oder Trittmöglichkeiten.

4 Resiliente Systeme schaffen
Resilienz ist gemäss Google die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen und für Entwicklungen zu nutzen. Dies bedeutet, die Umgebung so zu gestalten, dass weder Starkregen noch Hitzeperioden alle Arbeit zunichte machen können. Dank kluger Bepflanzung bezüglich Topografie und Sortenauswahl beim Pflanzgut erntet man immer etwas, bei entsprechender Vielfalt wird auch nie alles vom gleichen Schädling heimgesucht. Zur Optimierung dieser Vorgaben brauchts dann vielleicht mehr als ein paar optimistische Anfangsjahre.

5 Energie effizient nutzen
Die eigene Energie mit kurzen Wegen und optimalen Arbeitsabläufen schonen und wertschätzen. Fremdenergie möglichst minimieren, zum Beispiel mit den alten Vorratshaltungen wie Erdkeller die Tiefkühltruhe entlasten. Oder Punkt eins von der Natur lernen und Tomaten im Spätsommer, Erdbeeren im Juni und Trauben im Herbst geniessen: So brauchts keine künstlichen Sonnen und langen Transportwege.

6 Kreisläufe einrichten und Ressourcen schützen
Zu diesem Permakulturgrundsatz gehört die Kompostwirtschaft. Auch Hügelbeete gehören zu diesem Themenkreis, vorausgesetzt sie sind nach «Rezept» aufgebaut mit Astmaterial, Rasenziegeln, Laub, Gartenkompost und Humus. Nicht zu verwechseln mit den zur Zeit im Gartencenter modernen Hochbeeten. Das Hügelbeet ist einige Jahre fruchtbar, mit Planung könnte jedes Jahr ein neues geschaufelt werden und mit den älteren zusammen ein spezieller Hochgarten entstehen.
Besonders aufgefallen sind mir unter diesem Punkt die sechs R, auf Deutsch: Ablehnen, Reduzieren, Überdenken, Reparieren, Wiederverwerten, Recyceln, ergibt Abfallvermeidung.

7 Kooperation und Integration fördern
Mit dem Urwald als Vorbild wird unter Bäumen niedrigwachsendes angepflanzt. Raupen sind nicht nur Schädlinge, sie werden zunehmend als Voraussetzung für die wunderschönen Schmetterlinge wahrgenommen. Obstbäumchen haben keine nackten Erdscheiben, sondern bepflanzte und leicht mit Mulch abgedeckte. Selbst im Herbst bleibt das Laub liegen, ich hätte Angst vor Wühlmäusen ...

8 Positive und kreative Lösungen suchen
Hier (und überall) ist der Platz für Eigenentwicklungen. Zur Schneckenfrage: Körner streuen ist nicht die Lösung, aber Laufenten oder Unterschlupfmöglichkeiten für Kröten und Blindschleichen einrichten? Oder die Spalierreben unserer Vorfahren, sie erfüllten mehrere Forderungen der Permakultur: minimaler Bodenverbrauch, Früchteproduzenten, Klimaverbesserung in Haus und Umgebung, Luftreiniger, Nahrung und Schutz für viele Tiere.

9 Wasser effizient nutzen, 10 Gestalten und optimal anordnen
Es geht nicht nur ums bewusste Giessen. Regenwasser kann auf vielfältige Weise genutzt werden: Auffangen beim Fallrohr, Überlauf zu Teich leiten, daraus das Gemüse bedienen … Wir hatten allerdings eine echte Stechmückenplage diesen Sommer! Swales sind Wassergräben entlang von Höhenlinien zum Sammeln von Regenwasser, kurzfristig als Entwässerung bei Starkregen und langfristig als Wasserspeicher, denn die tiefen Schichten des Wassergrabens bleiben lange feucht. Mit dem zehnten Grundsatz vom optimalen Anordnen gelangen eigentlich alle Erkenntnisse zum Einsatz und es wird bewusst, wie stark die einzelnen Punkte miteinander verbunden sind. Es ist auch nicht so, dass ein wohl durchdachtes Konzept lange gehalten werden muss; zeigt es sich, dass etwas nicht funktioniert, gehören Überdenken, Umplanen und Bessern selbstverständlich dazu.


Ruth Merk



















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